Ästhetische  Inhalte von Jugendmusikkulturen - Angebote, Prinzipien und Funktionen - Ein Essay von Markus Nachtigall und Christian Spatscheck

 
Teil 3: Psycho-soziale Funktionen der ästhetischen Angebote

Um ein besseres Verständnis für die Funktionen der jugendkulturellen Ästhetik zu ermöglichen, halten wir folgende Prämisse für nötig: Sämtliche Funktionen der ästhetischen Angebote von Jugendmusikkulturen sind als Kommunikationsprozesse aufzufassen. Diese Kommunikationsprozesse finden statt zwischen den einzelnen Mitgliedern einer solchen Kultur untereinander, genauso wie zwischen Mitgliedern und deren "nicht-jugendlicher" Umwelt.
Wie diese Kommunikationsprozesse stattfinden lässt sich sehr gut an anhand einer Auffassung der Kunstphilosophie nachvollziehen: Ein Gemälde „sendet“ seine ästhetischen Botschaften an seinen Betrachter über bestimmte Codes. Voraussetzung dafür, daß dieser Prozess staffindet ist die Fähigkeit des Betrachters, diese Codes interpretieren zu können. (Morgenstern/Zimmer, S. 90/91)
Mit den ästhetischen Inhalten einer Jugendkultur verhält es sich genauso. Auch hier senden die mit den ästhetischen Merkmalen ausgestatteten Jugendlichen codierte Botschaften an ihr Umfeld. Ebenso senden bestimmte Phänomene im Umfeld der Jugendlichen codes, die die Jugendlichen für sich interpretieren. Diese Botschaften können ebenfalls wieder nur verstanden werden, wenn die Codes vom Betrachter „entschlüsselt“ werden können.

Life-Style als identitätsstiftendes Moment
Jugendliche sind bei ihrer Suche nach einem eigenen Selbstbild auf Vorbilder, auf feststehende Rollen, auf verbindliche Strukturen angewiesen. Sie suchen Personen, Normen und Verhaltensmuster, mit denen sie sich identifizieren können. Seit Anfang der 80er Jahre unterliegen bis dahin weitgehend feststehende Sozialisationsinstanzen und Biographiemuster einem grundsätzlichen Wandel. Die Schlagworte "Individualisierung" und "Pluralisierung" von Lebensentwürfen sind spätestens seit Ulrichs Becks Bestseller "Risikogesellschaft" in aller Munde. Traditionelle Orientierungspunkte wie beispielsweise Familie, Eingebunden sein in eine Erwerbstätigkeit, christlicher Glauben u.v.m. verschwimmen immer mehr oder lösen sich ganz auf. Die Bedeutung von politisch revolutionären Utopien als identitätsstiftendes Element (wie dies bei früheren Jugendkulturen üblich war) scheint kaum mehr vorhanden.
Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage, an welchen neuen Mustern sich Jugendliche heute orientieren.
In postmodern geprägten Jugendkulturen ist die Funktion der Identitätsstiftung durch die vielfältigen ästhetischen Ausdrucksformen übernommen worden.
Stefanie Flamm beschreibt diese Entwicklung folgendermaßen (Flamm in Michel/Spengler, S. 21-23) "Wofür soll man sich sich einsetzen, wenn jeder Reformansatz sofort affirmativ aufgegriffen wird? Irgendwann wird auch das letzte Reformpotential der Grünen erschöpft sein, steckengeblieben im Matsch der Institutionen, wie so vieles vorher". Gleichzeitig erkennt sie: "Wir wollen alle Individuen sein", was jedoch angesichts dieser Entwicklung nur noch durch "individuell-undogmatische Ästhetik" erreichbar scheint. Somit kommt sie zu dem prägnanten Fazit: "Was einer Generation jenseits aller Utopien bleibt ist Lifestyle".
Lifestyle, der sich insbesondere durch Musik und Mode ausdrückt, spielt eine entscheidende Rolle im Prozeß der Identitätsentwicklung heutiger Jugendlicher. Ferchhoff geht davon aus, daß diese (dem Anschein nach rein äußerlichen) jugendlichen Lebensstilmerkmale an die Stelle der immer weniger vorhandenen "identitätsstiftenden Funktion traditionell-kollektiver Lebensformen" treten (Ferchhoff 1993, S. 51). Über Musik und Mode ausdifferenzierte Jugendkulturen sind in der Lage, Jugendlichen die zur Ausbildung von Identität wichtige Orientierung zu bieten. . In Jugendkulkturen wird Identität allerdings anders vermittelt, als es viele Erwachsene gewohnt sind: Über Musik, über Tanz, über erhöhtes Körpergefühl, über Ästhetik.

Abgrenzungsfunktion
Eine der wichtigsten Aufgaben der Jugendphase ist die Loslösung vom eigenen Elternhaus. Sie trägt wesentlich zum Aufbau einer eigenen Identität bei und ist Grundvorraussetzung einer eigenen Persönlichkeit.
Bei Betrachten der Geschichte der populären Musik seit den 50er Jahren ist deutlich zu erkennen, daß jede neue Musikströmung zuerst einmal von Jugendlichen konsumiert und für Jugendliche produziert wird. Angefangenen vom Rock´n Roll in den 50er Jahren (Elvis Presley etc.) über den Beat der 60er (Beatles, Rolling Stones etc.) bis hin zu neueren Strömungen in den 90ern (Techno, House, Death-Metal etc.) sind Jugendliche Zielgruppe und Rezepienten dieser Musik.
Ein durchgehend zu beobachtendes Phänomen ist hierbei die Funktion von Popmusik als Medium der Abgrenzung gegenüber der Welt der Erwachsenen. In jeder Epoche war und ist Popmusik durch ihre Lautstärke, durch das Auftreten und Outfit der Interpreten, durch die Texte und die Musik an sich provokativ und rief/ ruft Unverständnis und Ablehnung innerhalb der Elterngeneration hervor.
Nick Cohn beschreibt dieses Phänomen für die 60er/ 70er Jahre anhand eines Konzertes der "Rolling Stones" (Cohn 1971, S. 77) anschaulich: "Die Teens mochten sie einmal sehen und sich nicht ganz sicher sein, aber wenn sie nach Hause kamen und ihre Eltern über die Tiere jammern hörten , über diese schmutzigen, langhaarigen Affen, dann plötzlich würden sie bekehrt sein, dann würden sie sich identifizieren wie irre..."
Die Musik der Jugendlichen wird zwangsweise irgendwann zur Musik der älteren Generation (wieviele Leser/ wieviele Leserinnen dieses Artikels haben wohl Aufnahmen der Beatles oder der Rolling Stones im Plattenschrank/ CD-Ständer?) und somit als Abgrenzungsmedium ungeeignet.
Die Techno-Musik der 90er Jahre stößt bei der älteren Generation (die ja mit "ihrer" Musik aufgewachsen ist, also das Phänomen der Abgrenzung durch Musik größtenteils selbst miterlebt hat) auf Unverständnis. Musik ohne Text, ohne revolutionäre Botschaft, ohne den expliciten Willen zu Revolte und Weltveränderung, das ist neu. Die Elterngeneration wird also nicht durch Infragestellen der bestehenden Verhältnisse provoziert (das kennt diese Generation ja schon aus der eigenen Jugend), sondern eher durch eine oberflächlich betrachtet, extreme Angepasstheit an das System.
Bezüglich der Normensetzung von Erwachsenen gegenüber Jugendlichen hat Popmusik einen weiteren interessanten Aspekt. Viele Verbote werden mit dem Argument "dafür bist du noch zu jung" begründet. Im Kontext ihrer Musik haben Jugendliche erstmals die Möglichkeit zu sagen: "Dafür seid ihr schon zu alt!".
Nicht nur gegenüber Erwachsenen, auch gegenüber Gleichaltrigen, stellt sich Popmusik als Abgrenzungsmedium dar. Viele Cliquen definieren sich (auch) durch ihren gemeinsamen Musikgeschmack, die gemeinsame Verehrung bestimmter Stars, das gemeinsame Besuchen von Konzerten etc. Für in der offenen Jugendarbeit tätige Pädagogen sind "musikalische" Bezeichnungen für bestimmte Cliquen ("Die Rapper", "Die Metaller") mittlerweile fast zur Umgangssprache geworden.
Ein weitere Beleg für die Abgrenzungsfunktion Popmusik sind Kontaktanzeigen in Jugendzeitschriften (Bravo, Popcorn etc.) . Hier wird fast immer auf den Musikgeschmack hingewiesen, nach dem Schema "Höre gerne `Genesis` und `Spice Girls`, suche Junge/ Mädchen mit ähnlichen Interessen".
 
Flucht- und Aktivitätsfunktion
Die von Jugendlichen gehörte Musik wird häufig mit Drogenkonsum und der damit zusammenhängenden Flucht vor der Realität in Verbindung gebracht. Tatsache ist, daß viele Musiker Drogen nehmen und sich dazu offen bekennen. Extacy ist die Mode-Droge der Techno-Szene, auch wenn deren quantitative Bedeutung häufig überschätzt wird. Oberflächlich betrachtet scheint es also einen direkten Zusammenhang zwischen der von Jugendlichen konsumierten Musik und Drogenkonsum zu geben. Spengler weist aber darauf hin, daß Drogenkonsum zum typischen Ausprobierverhalten Jugendlicher gehört, und die Musik somit nicht als prinzipiell ursächlich für Drogenkonsum bezeichnet werden kann. (vgl. Spengler 1985, S. 166 ff)
Drogenkonsum ist auch keineswegs einPhänomen, das nur in der Szene der jugendlichen Musik-Rezipienten vorkommt, sondern das sich durch alle Gruppen der Gesellschaft zieht.
Ein zweiter Vorwurf, der Popmusik häufig gemacht wird, ist die Flucht durch übermäßige Lautstärke. Durch extrem laute Musik wird Kommunikation mit der Außenwelt scheinbar unmöglich, die Realität wird quasi ausgeschlossen. Dieser Vorwurf ist nur schwer aufrecht zu erhalten. In einem Interview in der Sendung “Doppelpunkt” (ZDF 1994) wurden Jugendliche nach dem Besuch der Techno-Veranstaltung „Mayday“ in Berlin interviewt. Ohne direkt danach gefragt zu werden , berichteten sehr viele der Befragten von der “totalen Kommunikation” während der Veranstaltung. Es wird deutlich, daß Jugendliche auf Konzerten scheinbar anders kommunizieren als über die Sprache. Kommunikation funktioniert im Kontext von lauter Musik nicht über Sprache, sondern über andere, nonverbale Codes. Diese gemeinsamen Symbole, die auf der Vorliebe für die selbe Musik, für die selben Interpreten beruhen, ermöglichen eine Art der Kommunikation, die unserer Erfahrung nach bei vielen Menschen auf Unverständnis stößt.
Nach Spengler gehört es zur Eigenart des Jugendalters, sich zurückzuziehen und für sich sein zu wollen. (vgl Spengler 1985, S. 166 ff).  Dieser Wunsch nach Intimität wechselt ständig mit dem extrem starken Bedürfnis, in eine Clique integriert zu sein. Ziehe bezeichnet die hohe Lautstärke als “Überwindung der Angst vor Stille” und intensive Musikrezeption als “kollektiven Uterus “ (Ziehe in Spengler 1985, S. 167). Hier wird die Fluchtfunktion von Popmusik sogar als Rückzug in den Mutterleib interpretiert.
Viele Jugendliche erklären, daß (laute) Musik bei ihnen eine Ablenkung vom Alltag bewirkt. Diese Ablenkung muß aber nicht unbedingt mit Realtitätsflucht gleichgesetzt werden. Durch eine Ablenkung von Alltagsproblemen und einen Ausgleich durch Musik kann der Alltag besser bewältigt werden, Musik bekommt die Funktion einer Energiequelle zur Bewältigung von Alltagsproblemen. Jugendliche können in der in ihrer speziellen Musik ihren eigenen Utopien, ihren Tagträumen nachgehen. Durch dieses (wenn auch eher virtuelle) Realisieren einer anderen, einer besseren Welt, kann Musik Jugendlichen helfen, ihre eigenen Ideale, ihre Wünsche und Sehnsüchte am Leben zu erhalten.

Politische Aspekte
Der Rock´n Roll der 50er Jahre war nicht explizit politisch. Die politische Wirkung ergab sich allein durch das rebellische Auftreten der Interpreten und die dadurch verursachte Reaktion der Zuhörer. Songs wie “Tutti Frutti” von Elvis Presley oder “Rock around the clock” von Bill Haley waren eher auf eine persönliche Revolution, auf das Recht auf mehr eigenen Spaß gerichtet, als auf direkte politische Veränderungen.
In den 60er Jahren änderte sich das. Rockmusik wurde mit politischen Texten versehen und bewußt als Kritik an konkreten politischen Zuständen eingesetzt. Die Texte (insbesondere Bob Dylan spielte hier mit Liedern wie “Masters of war” oder “How many roads” eine entscheidende Rolle), und auch die Musik selbst wurden zum Ausdruck eines kritischen politischen Bewußtseins der jeweiligen Generation. Auch in Deutschland bildeten sich in den 60er und 70er Jahren Bands, die von ihren Texten her sehr politisch engagiert waren (Ton Steine Scherben, Floh de Cologne, Cochise etc).
Die jugendliche Musikszene zeigt sich heute extrem ausdifferenziert und vielfältig. Es ist unmöglich, dieser Musik pauschal eine politische Bedeutung oder Absicht zu unterstellen (zumindest, wenn ein nicht ein völlig verallgemeinerter Politikbegriff benutzt wird).
Sofern die Musik mit Texten versehen ist, scheint die Klassifikation politisch/ unpolitisch zumindest oberflächlich betrachtet, einfach. Übersehen wird hierbei häufig, daß es außerhalb der Texte weitere politische Merkmale geben könnte. Viele Musikstars setzen sich beispielsweise für bestimmte Umweltschutzprojekte, für Parteien, für bedrohte Völker etc. ein. Benefizkonzerte haben durchaus politischen Character, auch wenn die auf dem Konzert gespielten Lieder evtl. ausschließlich von Liebe und Partnerschaft handeln.
Eine durch agieren der Musiker beim Bühnenauftritt, durch der Art der Musik an sich, durch die Gestaltung des Covers etc. verkörperte Haltung (Ablehnung gesellschaftlicher  Konventionen, avantgardistische Züge, Provokationen, Harmonie...) ist als hochpolitisch zu werten. Hier sei noch einmal auf die am Anfang des Kapitels erwähnten Codes hingewiesen. Der ästhetische Ausdruck der Musik bzw. ihrer Interpreten wird von Jugendlichen auch politisch interpretiert.
Interessant sind sicherlich Überlegungen zu politischen Aspekten der Techno-Bewegung und zu rechtsradikaler Musik, die wir hier aber nicht weiter ausführen wollen.

Popmusik und Sexualität
Die Geschlechtsreifung in der Pubertät stellt eine körperliche Veränderung dar, die aufgrund gesellschaftlicher Moralvorstellungen häufig von Jugendlichen nicht sofort in sexuellen Verhaltensweisen ausgelebt werden kann. Für den Umgang mit Sexualität werden von Jugendlichen Vorbilder und Identifikationsobjekte gesucht. Hier bieten sich Musikstars in idealer Weise an: Viele von ihnen bekennen sich offen zu ihrer sexuellen Freizügigkeit (Mick Jagger, David Bowie, Madonna...), in ihren Texten wird mit dem Thema Sexualität wesentlich freizügiger umgegangen, als im Elternhaus der meisten Jugendlichen. Beispiele für Songs, in denen Sexualität thematisiert wird gibt es wahrscheinlich unendlich viele vom Rolling Stones Hit “Let´s spend the night together” bis zu aktuellen Produiktionen wie „E-rotic“, deren Texte sich ausschließlich um Sex drehen. Die Bühnenshows sehr vieler Bands waren und sind stark sexuell besetzt, angefangen beim Hüftschwung eines Elvis Presley über die Benutzung von Gitarren und Mikrofonständern als Phallussymbole durch Led Zeppelin bis zu den auf der Bühne angedeuteten Bettszenen von Madonna. Neben Bühnenauftritten bieten sich Videoclips als ideale Präsentation der sexuellen Komponente der Popmusik an. Sehr viele der auf den Musiksendern MTV und VIVA gesendeten Videospots drehen sich um das Thema Sexualität und Partnerschaft (wir verzichten hier auf Beispiele, wer nur kurz einen Blick auf die von den Musiksendern gezeigten Videoclips wirft, wird diese These bestätigt sehen).
”Der Wunsch nach Partnerschaft und einem sexuell `attraktiven` Partner äußert sich im `Schwärmen` für ein Idol.”. (Hering/Hill/Pleiner 1993, S. 41). Besonders deutlich wird diese Aussage, wenn man beispielsweise die sehr jungen (geschätzt max. 15 Jahre) Besucherinen der Konzerte der Band “Take that” im Sommer 1995 betrachtet, die Schilder mit der Aufschrift “Take my virginity” hochhielten.
Unabhängig von direkt auf Sex bezogenen Bühnenshows, Video-Clips oder Texten bietet Popmusik Jugendlichen einen gemeinschaftsstiftenden Kontext, der ihnen die Aufnahme von Kontakten zum anderen Geschlecht ermöglicht. In Discotheken und auf Konzerten haben Jugendliche die Möglichkeit, sich ohne Kontrolle durch die Eltern in einem für sie attraktiven Umfeld aufzuhalten. “Rockmusik bildet den Rahmen, die Adoleszenz bringt die Sexualtät”. (Spengler 1985, S. 90). Wir halten diesen sekundären Aspekt von Popmusik und Sexualität für sehr wichtig, da er bei Jugendlichen quantitativ sicherlich einen großen Raum einnimmt.

Unser Buch "Happy Nation- Jugendmusikkulturen und Jugendarbeit in den 90er Jahren" zeigt viele weitere interessante Aspekte zum Thema "Jugend und Musik". Neben ausführlichen Abhandlungen zu Musikstilen wie Techno und Hip-Hop werden Praxisprojekte vorgestellt, die über das Medium Musik erfolgreich mit Jugendlichen arbeiten.
C. Spatscheck/ M. Nachtigall/ W. Grüßinger/ R. Lehenherr: "Happy Nation - Jugendmusikkulturen und Jugendarbeit in den 90er Jahren", Münster 1997, Lit Verlag,  ISBN: 3-8258-3485-9


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Zum Literaturverzeichnis
 

 

 
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letztes update: 14.10.01