Teil
2: Gestalterische Prinzipien der Techno-Kultur
Jugendmusikkulturen sind sehr vielfältig, so vielfältig, daß es kaum möglich ist, gestalterische Prinzipien zu definieren, die für alle Jugendmusikkulturen gültig sind. Deshalb wollen wir an dieser Stelle eine Jugendmusikkultur zur Betrachtung auswählen, die Techno-Kultur. Anhand dieser zwiefelsohne ästhetisch sehr ergiebigen Kultur soll exemplarisch dargelegt werden, welche gestalterischen Prinzipien bei den Angeboten einer Jugendkultur zu erkennen sind. Die folgenden Betrachtungen orientieren sich stark an einem Aufsatz von Birgit Richard, deren Betrachtungen jedoch von uns inhaltlich ergänzt wurden (vgl. Richard, 1995).
Sampling
Prinzip
Schon vorhandene Bild- bzw. Tonelemente werden "eingescannt"
bzw. "gesamplet“, das heisst sie werden digitatilisiert Bei grafischen Methoden
werden verschiedene Bildelemente eingelesen. In der Musik werden Sequenzen von
Klängen, Stimmen und bekannten Geräuschen aufgenommen.
Die ursprünglich
analog vorliegenden Bilder und Klänge werden bei diesem Prozeß digitalisiert
und gespeichert. Somit sind sie beliebig reproduzier- und veränderbar und
können mit anderen Elementen kombiniert werden. Diese Technik wird bei der
Bildgestaltung und vor allem bei Techno-Musik angewandt.
Oberflächlichkeit
Die Gestaltung der Kleidung konzentriert sich weniger auf Form und Schnitt,
sondern mehr auf Aufdrucke, Schriften und Kombinationen verschiedener Modeelemente.
Teilnehmende an Raves inszenieren sich z:B. als unbeschwerte, oberflächliche
Klischeefiguren wie "Lustknaben", "Vamps" oder "Lolitas" (Haemmerli in Anz/Walder,
1995).
Künstlichkeit
Alle elektronischen Musikstücke werden auf synthetische Weise (digital)
erzeugt. Viele ältere Rockmusikstücke werden digital nachbearbeitet.
Die Computeranimationen für Musikvideoclips, Plakate und Flyers (Handzettel
zur Werbung für Veranstaltungen) werden in der Regel ebenfalls digital am
PC erstellt. Materialien und Farben vieler Kleidungsstücke (z.B. Röcke
aus PVC, Lurex und Kunststoffaufdrucke auf T-Shirts) und Kunstobjekte sind ebenfalls
nicht natürlicher, sondern künstlicher Art.
Schichtung
Kleidungsstücke werden in mehreren zwiebelartigen Schichten übereinander
getragen. Auch die Musik wird schichtartig erstellt: Über eine Basslinie
werden mehere Percussion-, Schlagzeug- und Melodiesequenzen gelegt. Bei anderen
Musikstilen wird diese Technik ebenfalls verwendet, allerdings bei weitem nicht
so intensiv.
Sichtbarkeit
Für alles gestaltbare werden bevorzugt grelle und/oder gut sichtbare
Farben und Materialien verwendet. Auf Kleidungsstücke werden von Jugendlichen
oft große (echte oder bewußt verfremdete) Markenlogos und lichtreflektierende
bzw. floureszierende Flächen bevorzugt..
Bricolage
Der von dem Strukturalisten Claude Lévi-Strauss geprägte Begriff
bedeutet wörtlich übersetzt "Bastelei" und wird von ihm dazu verwendet,
den Kern jugendlicher Stilbildungsprozesse zu kennzeichnen.
Die Tätigkeit
eines Bastelnden in Lévi-Strausschem Sinn besteht darin "..jederzeit mit
dem, was ihm zur Hand ist, auszukommen, d.h. mit einer stets begrenzten Auswahl
von Werkzeugen und Materialien, die überdies noch heterogen sind, weil ihre
Zusammensetzung in keinem Zusammenhang zu dem augenblicklichen Projekt steht,
wie überhaupt zu keinem besonderen Projekt..." (vgl. Lévi-Strauss
in Nachtwey, S. 173)
Die "Werkzeuge" und "Materialien" für die Bildung
ihrer jugendkulturellen Stile werden zunächst von Jugendlichen in Form von
alltäglichen Objekten und Dingen gesammelt. Gegenstände und Gedanken
aus der Alltagskulur der Gesellschaft, in der sie leben, werden aufgenommen.
Der
nächste Schritt ist, diese aufgenommenen Dinge für den Prozeß
der Bricolage zu nutzen: Die Elemente werden umstrukturiert und/oder rekontextualisiert.
Hierzu müssen sie zunächst von den bisherigen Bedeutungszusammenhängen
getrennt werden. Diesen Prozeß beschreibt Wiliam S. Burroughs mit dem Begriff
"cut-up" bzw. "cut-out" (Burroughs in Menzen, S. 126), was soviel bedeutet wie
" Zusammenhänge auf-/ bzw. abschneiden". Gemeint ist damit: Wer bestehende
Zusammenhänge zwischen sich und den Dingen seiner Umwelt abschneidet, trennt
sich dadurch auch von (den in den Dingen implizierten) Verbindungen zu seiner
Gesellschaft. Bestehende Verbindungen können durch diesem Prozeß erst
wahrgenommen werden.
Die aufgenommenen Gegenstände und Gedanken sind
von der Gesellschaft mit bestimmten Bedeutungen besetzt. Sie bekommen durch das
nun folgende Weiterverarbeiten völlig neue andere Bedeutungen, wenn sie in
anderen Relationen zueinander gesetzt werden. Da jugendliche "Bastler" die Formen
ihres eigenen persönlichen Weltverständnisses "mit einbasteln", bekommen
die verwendeten Objekte die Bedeutungen, die ihnen die "Bastelnden" geben wollen.
Alle jugendkulturellen Stilbildungen mit ihren charakteristischen ästhetischen
Merkmalen entstehen auf diese Weise.
Der Prozeß der Bricolage lässt
sich in der Techno-Kultur vor allem bei Musik, Design und Mode erkennen. Gesammelt
werden Klänge (z.B Walgesänge, das Singen gregorianischer Mönchschöre,
andere Musikstücke, Maschinengeräusche...), Bild- bzw. Modeelemente
(Kleidung aus den 70 Jahren, Markenlogos oder Materialien, die zunächst in
ganz anderen Zusammenhängen verwendet wurden).
Diese werden dann aus
ihren ursprünglichen Bedeutungszusammenhängen herausgerissen (cut-upiert)
und dann gleich in neue gesetzt, die für die Techno-Kultur typisch sind:
In der Musik werden die gesammelten Klänge gesampelt und dann in Kompositionen
neu arrangiert. Flyers und Magazine entstehen, indem Bild- und Textelemente neu
arrangiert und gedruckt werden. In der Mode werden alte Kleidungstücke wieder
getragen ("Retrolook") , Markenlogos verändert und Kleidung bzw. Accessoires
aus Materialien hergestellt, die eigentlich gar nicht für Kleidungsherstellung
gedacht sind (z. B. PVC, Lurex, Plastik).
Somit schaffen sich Techno-Fans
mit den Mitteln der Bricolage ihre eigenen jugendkulturellen ästhetischen
Stilmerkmale, nämlich die, die sie wollen und brauchen, um ihre Zugehörigkeit
zur Technokultur darzustellen.
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