Ästhetische Inhalte von Jugendmusikkulturen - Angebote, Prinzipien und Funktionen - Ein Essay von Markus Nachtigall und Christian Spatscheck


Teil 2: Gestalterische Prinzipien der Techno-Kultur

Jugendmusikkulturen sind sehr vielfältig, so vielfältig, daß es kaum möglich ist, gestalterische Prinzipien zu definieren, die für alle Jugendmusikkulturen gültig sind. Deshalb wollen wir an dieser Stelle eine Jugendmusikkultur zur Betrachtung auswählen, die Techno-Kultur. Anhand dieser zwiefelsohne ästhetisch sehr ergiebigen Kultur soll exemplarisch dargelegt werden, welche gestalterischen Prinzipien bei den Angeboten einer Jugendkultur zu erkennen sind. Die folgenden Betrachtungen orientieren sich stark an einem Aufsatz von Birgit Richard, deren Betrachtungen jedoch von uns inhaltlich ergänzt wurden (vgl. Richard, 1995).

Sampling Prinzip
Schon vorhandene Bild- bzw. Tonelemente werden "eingescannt" bzw. "gesamplet“, das heisst sie werden digitatilisiert Bei grafischen Methoden werden verschiedene Bildelemente eingelesen. In der Musik werden Sequenzen von Klängen, Stimmen und bekannten Geräuschen aufgenommen.
Die ursprünglich analog vorliegenden Bilder und Klänge werden bei diesem Prozeß digitalisiert und gespeichert. Somit sind sie beliebig reproduzier- und veränderbar und können mit anderen Elementen kombiniert werden. Diese Technik wird bei der Bildgestaltung und vor allem bei Techno-Musik angewandt.

Oberflächlichkeit
Die Gestaltung der Kleidung konzentriert sich weniger auf Form und Schnitt, sondern mehr auf Aufdrucke, Schriften und Kombinationen verschiedener Modeelemente.
Teilnehmende an Raves inszenieren sich z:B. als unbeschwerte, oberflächliche Klischeefiguren wie "Lustknaben", "Vamps" oder "Lolitas" (Haemmerli in Anz/Walder, 1995).

Künstlichkeit
Alle elektronischen Musikstücke werden auf synthetische Weise (digital) erzeugt. Viele ältere Rockmusikstücke werden digital nachbearbeitet. Die Computeranimationen für Musikvideoclips, Plakate und Flyers (Handzettel zur Werbung für Veranstaltungen) werden in der Regel ebenfalls digital am PC erstellt. Materialien und Farben vieler Kleidungsstücke (z.B. Röcke aus PVC, Lurex und Kunststoffaufdrucke auf T-Shirts) und Kunstobjekte sind ebenfalls nicht natürlicher, sondern künstlicher Art.

Schichtung
Kleidungsstücke werden in mehreren zwiebelartigen Schichten übereinander getragen. Auch die Musik wird schichtartig erstellt: Über eine Basslinie werden mehere Percussion-, Schlagzeug- und Melodiesequenzen gelegt. Bei anderen Musikstilen wird diese Technik ebenfalls verwendet, allerdings bei weitem nicht so intensiv.
 
Sichtbarkeit
Für alles gestaltbare werden bevorzugt grelle und/oder gut sichtbare Farben und Materialien verwendet. Auf Kleidungsstücke werden von Jugendlichen oft große (echte oder bewußt verfremdete) Markenlogos und lichtreflektierende bzw. floureszierende Flächen bevorzugt..

Bricolage
Der von dem Strukturalisten Claude Lévi-Strauss geprägte Begriff bedeutet wörtlich übersetzt "Bastelei" und wird von ihm dazu verwendet, den Kern jugendlicher Stilbildungsprozesse zu kennzeichnen.
Die Tätigkeit eines Bastelnden in Lévi-Strausschem Sinn besteht darin "..jederzeit mit dem, was ihm zur Hand ist, auszukommen, d.h. mit einer stets begrenzten Auswahl von Werkzeugen und Materialien, die überdies noch heterogen sind, weil ihre Zusammensetzung in keinem Zusammenhang zu dem augenblicklichen Projekt steht, wie überhaupt zu keinem besonderen Projekt..." (vgl. Lévi-Strauss in Nachtwey, S. 173)
Die "Werkzeuge" und "Materialien" für die Bildung ihrer jugendkulturellen Stile werden zunächst von Jugendlichen in Form von alltäglichen Objekten und Dingen gesammelt. Gegenstände und Gedanken aus der Alltagskulur der Gesellschaft, in der sie leben, werden aufgenommen.
Der nächste Schritt ist, diese aufgenommenen Dinge für den Prozeß der Bricolage zu nutzen: Die Elemente werden umstrukturiert und/oder rekontextualisiert.
Hierzu müssen sie zunächst von den bisherigen Bedeutungszusammenhängen getrennt werden. Diesen Prozeß beschreibt Wiliam S. Burroughs mit dem Begriff "cut-up" bzw. "cut-out" (Burroughs in Menzen, S. 126), was soviel bedeutet wie " Zusammenhänge auf-/ bzw. abschneiden". Gemeint ist damit: Wer bestehende Zusammenhänge zwischen sich und den Dingen seiner Umwelt abschneidet, trennt sich dadurch auch von (den in den Dingen implizierten) Verbindungen zu seiner Gesellschaft. Bestehende Verbindungen können durch diesem Prozeß erst wahrgenommen werden.
Die aufgenommenen Gegenstände und Gedanken sind von der Gesellschaft mit bestimmten Bedeutungen besetzt. Sie bekommen durch das nun folgende Weiterverarbeiten völlig neue andere Bedeutungen, wenn sie in anderen Relationen zueinander gesetzt werden. Da jugendliche "Bastler" die Formen ihres eigenen persönlichen Weltverständnisses "mit einbasteln", bekommen die verwendeten Objekte die Bedeutungen, die ihnen die "Bastelnden" geben wollen. Alle jugendkulturellen Stilbildungen mit ihren charakteristischen ästhetischen Merkmalen entstehen auf diese Weise.
Der Prozeß der Bricolage lässt sich in der Techno-Kultur vor allem bei Musik, Design und Mode erkennen. Gesammelt werden Klänge (z.B Walgesänge, das Singen gregorianischer Mönchschöre, andere Musikstücke, Maschinengeräusche...), Bild- bzw. Modeelemente (Kleidung aus den 70 Jahren, Markenlogos oder Materialien, die zunächst in ganz anderen Zusammenhängen verwendet wurden).
Diese werden dann aus ihren ursprünglichen Bedeutungszusammenhängen herausgerissen (cut-upiert) und dann gleich in neue gesetzt, die für die Techno-Kultur typisch sind: In der Musik werden die gesammelten Klänge gesampelt und dann in Kompositionen neu arrangiert. Flyers und Magazine entstehen, indem Bild- und Textelemente neu arrangiert und gedruckt werden. In der Mode werden alte Kleidungstücke wieder getragen ("Retrolook") , Markenlogos verändert und Kleidung bzw. Accessoires aus Materialien hergestellt, die eigentlich gar nicht für Kleidungsherstellung gedacht sind (z. B. PVC, Lurex, Plastik).
Somit schaffen sich Techno-Fans mit den Mitteln der Bricolage ihre eigenen jugendkulturellen ästhetischen Stilmerkmale, nämlich die, die sie wollen und brauchen, um ihre Zugehörigkeit zur Technokultur darzustellen.



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 Literaturhinweise
 

 

 
 
 
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letztes update: 08.02.00